Nachdem ich seit nun einem Monat mein Auslandssemester in den Niederlanden absolviere war die Ernüchterung sehr groß zu hören, dass das Thema meines diesjährigen Städtebauprojektes in Leipzig zu finden ist. Wenn man bedenkt, dass ich in Dresden studiere, in Leipzig Praktikum gemacht habe und nun wieder dahin zurückkehren sollte obwohl ich doch gerade „geflohen“ bin kann man meine Ernüchterung wahrscheinlich ganz gut nachvollziehen. Nichtsdestotrotz handelt es sich um ein wirklich interessantes Projekt. Es geht um die Revitalisierung der ehemaligen Bleichert Werke in Leipzig Gohlis, einem rund 23.000m² großem Grundstück aus Zeiten der Industrialisierung. Welcome to the challenge! Mein Elan war groß ebenso wie meine Erwartungen an den bevorstehenden Workshop in Leipzig an dem wir mit unseren fünfzehn niederländischen Kommilitonen und ca. 40 Baumanagementstudenten teilnehmen sollten.
TAG 1 – Let the games begin.
Am Sonntag hieß es also Koffer packen und ab ins Auto auf den Weg nach Leipzig. Nach rund sieben Stunden Autofahrt und einem mehr oder weniger erholsamen Sonntagabend ging es am Montag nun richtig los. Dachte ich zumindest. Von Arbeit jedoch keine Spur. Die nette mir noch unbekannte Lehrerin fing erstmal an einige Minuten auf niederländisch den Ablauf des Workshops zu erläutern. Bis wir, der niederländischen Sprache noch nicht vollkommen mächtigen Austauschstudenten, sie erstmal dezent darauf hinweisen mussten, dass der Workshop doch eigentlich in englischer Sprache abzuhalten sei konnten wir dem Programm dann auch folgen. Leider gab es kein Programm, keinen organisierten Ablauf und nicht mal genügend Stühle für alle Studenten. Die perfekte Vorraussetzung um eine Woche lang zu arbeiten. Der erste Tag galt der allgemeinen Einführung. So lauschten wir einem netten Herrn vom Stadtplanungsamt, welcher uns über bisherige Konzepte, die Lage und Entwicklungen des Standortes und diverse denkmalpflegerische Auflagen informierte. Sein Englisch war allerdings etwas spärlich was mich nicht weiter beunruhigte, da ich natürlich die Gelegenheit hatte ausführlich auf Deutsch nachzuhaken. Danach sollte unser Kunde uns über seine Visionen und Vorstellung als auch Abneigungen informieren. Leider haben wir diesen Herrn an jenem Tag nicht zu Gesicht bekommen, „er kommt morgen“ hieß es immer von den verantwortlichen Professoren aber wann und wo genau konnte einem natürlich niemand sagen und so verbrachten wir zahlreiche Zeit mit bloßem Warten auf Telefonrückrufe. Kurzerhand haben wir beschlossen direkt zum Grundstück hinüber zu fahren und uns ein Bild vom gesamten Ausmaß zu machen.
TAG 2 – jetzt aber wirklich?
Auch am zweiten Tag gab es keine Spur von Arbeit, eher ein bisschen Sightseeing was natürlich sehr interessant für die niederländischen als auch für die übrigen Austauschstudenten war, da ich aber bereits alles gesehen hatte hielt sich meine Begeisterung in Grenzen. Nachdem wir die Spinnerei – das Kunstareal Leipzigs schlechthin – besichtigten ging es weiter zu einer ausführlichen Führung durch das BMW Werk, welches teils von Zaha Hadid entworfen wurde. Es war natürlich sehr beeindruckend und wer schon mal da war kann das sicherlich bestätigen. Nichtsdestotrotz konnte ich es kaum noch erwarten den typischen Stress und Druck eines Workshops in meinem Körper zu spüren. Nun ja, ich sollte mich noch etwas gedulden. Nach einem langen Tag voller Eindrücke und zähem Warten in unserem Atelier traf schließlich am Abend doch noch der schon sehnlichst erwartete Kunde ein. Auch sein Englisch war recht rar, jedoch hat er sich wirklich bemüht und uns von seinen ganz persönlichen Visionen für die Wiederbelebung des alten Industriegeländes zu erzählen. Ich habe diese Zeit sehr genossen und es schossen mir immer mehr Fragen in den Kopf welche ich kaum noch abwarten konnte zu stellen. Doch dann, plötzlich, er hatte gerade seine Präsentation beendet und uns viel Glück gewünscht für die Bearbeitung, war er so schnell wieder verschwunden wie er gekommen war. Keine Chance auch nur eine einzige Frage zu stellen! Kein Diskussionsstoff, keine neuen Sachverhalte außer das wir doch bitte nicht so viele Büroeinheiten planen sollen, da der Wohnungsmarkt der stabiler ist. Das war’s? Ich war irritiert wusste nicht was uns das helfen sollte. Mittlerweile war es schon recht spät geworden also beschlossen wir uns am nächsten Morgen vollends in die Arbeit zu stürzen.
TAG 3 – Wo bleiben denn die Niederländer?
Pünktlich um 8.30Uhr war ich bereit meine niederländischen Kommilitonen von ihrer Jugendherberge abzuholen. Doch niemand aus meiner Gruppe was zu sehen. „Liegen alle noch im Bett“ hörte ich eine andere Studienkollegen zu mir sagen. Na prima, dachte ich. Also ging ich hoch und weckte die vier Herren. Immerhin schafften wir es uns 10.30Uhr, also nur zwei Stunden zu spät auf den Weg zum Atelier zu machen. Und das produktive Arbeiten wollte einfach nicht einsetzten. Ich wollte einen Plan machen wie wir die ganze Sache am Besten angehen sollen, Brainstorming, Funktionskonzepte, Erschließung und und und. Es führte kein Weg daran endlich richtig durchzustarten. Man beschloss erstmal was zum Lunch zu essen und ein Käffchen zu trinken. Das Schlimme war auch, dass wir keinerlei Druck von Seiten der Professoren bekommen haben. Niemanden hat es interessiert ob wir da waren oder nicht, ob unsere Ideen gut waren oder total Unsinn. Hinzukommend war die Akustik in unserem Atelier so schlecht sie nur hätte sein können. Wenn eine Person gesprochen hat konnte man sie schon kaum verstehen aber wenn zehn Gruppen gleichzeitig diskutierten hatte ich das Gefühl mein Kopf würde jeden Moment explodieren. Die Kreativität blieb also etwas auf der Strecke, auch wenn die ersten guten Konzepte entstanden und ich mich langsam mit unserer Teamarbeit identifizieren konnte. Der Plan war an diesem Abend, dass jeder von uns individuell weitere Ideen ausarbeitet und skizziert und wir am Donnerstag alles zusammen tragen und präsentationsfein machen.
TAG 4 – wieder mal pünktlich aber wo ist der Rest?
Hoch motiviert mit einem Paket voller Skizzen war ich bereit meinen Teamkollegen meine neusten Ideen zu erläutern und zu sehen wie man sie mit ihren Ideen kombinieren konnte und so einen perfekten Workshop Abschluss zu bilden. Nachdem die vier wieder im Bett lagen als ich sie abholen wollte beschloss ich schon mal ins Atelier zu fahren und an meinem eigenen Konzept zu arbeiten. Die wahrscheinlich produktivste Zeit des gesamten Workshops. Eine Stunde vor Präsentation trudelte der Rest nun auch ein und präsentierte mir stolz die von ihnen gefertigten Plakate welche nicht ganz meinen Vorstellungen entsprachen und noch sehr oberflächlich waren. Aber zu spät, das sollte sie Präsentation sein und an diesem Punkt war ich einfach nur froh, dass wir beschlossen hatten jemanden von uns präsentieren zu lassen dem es noch recht schwer viel vor großen Menschenmengen zu sprechen und dies üben wollte, somit musste ich diesen Entwurf nicht vertreten. Da unser Kunde auch an diesem Tag nicht aufgetaucht ist, gab es kein Feedback für uns. Sehr sinnvoll. Auch die verantwortlichen Professoren von denen die meisten schon am vorherigen Tag abgefahren waren gaben keinerlei Feedback und wollten leider auch keine Rückmeldung zum Workshop allgemein. Zu Schade, mir wären da schon eine organisatorische Schwächen eingefallen.
TAG 5 – Heimfahrt
Nach einer schönen wenn auch nicht sehr produktiven Woche in Leipzig ging es nun zurück nach Holland. Die Gruppenarbeit war damit vorbei, die Arbeit konnte nun richtig beginnen und das Gefühl das Projekt wieder aus 650km Distanz zu betrachten ist fantastisch.