Anlässlich der aktuellen Juryentscheidung bezüglich des Schlossneubaus in Berlin frage ich mich, warum Architekten und Architekturkritikern in Deutschland sowenig Beachtung geschenkt wird und gleichzeitig, wenn es um gesellschaftlich wichtige Gebäude geht, der Sachverstand abgesprochen wird. Stattdessen will die Bevölkerung leider immer öfter Rekonstruktionen sehen und verteufelt im gleichen Atemzug einen ganzen Berufsstand als unfähig. Eine Bestandsaufnahme.
Rekonstruktionswahn
Meiner Meinung nach wirkte die Dresdner Frauenkirche in vielerlei Hinsicht als eine Art Staudammbruch der Sehnsüchte nach alter Architektur in Deutschland. Wobei man hier sehen muss, dass die Bedingungen natürlich ganz andere waren als z. B. im Falle des Berliner Schlosses. Schließlich standen bei der Frauenkirche noch einige Segmente des Gebäudes, zusätzlich waren noch alte Original-Steine vorhanden. Hinzu kommt die Symbolik. So gilt die Frauenkirche seit ihrer Zerstörung als Mahnmal gegen den Krieg und für den Frieden. Dem sollte auch beim Wiederaufbau auch eine Art Tribut gezollt werden.
Was passiert heute am Neumarkt in Dresden? Es werden Bürgerhäuser rekonstruiert. Ein komplettes Stadtquartier, 1945 zerstört, soll wie Phönix aus der Asche wiedererstehen. Leider handelt sich um einen missgebildeten Phönix. Gebäude des 21. Jahrhunderts mit 2 cm künstlicher Barockschicht überzogen…
Zu allem Überfluss wurde vom Dresdner Stadtrat ein wegweisender moderner Entwurf eines Kunsthauses am historischen Ort des Gewandhauses von Peter Cheret aus Stuttgart, der diesem barocken Disneyland Qualität schenken sollte, abgelehnt. Dies hatte mehrere Gründe. Zum einen haben sich Heerscharen von Rentnern und geistig verwirrten Jugendlichen gegen dieses Projekt gestellt. Zum anderen fehlte den Politikern wieder mal der Mut und die Angst vor der nächsten Wahl war zu hoch. Man könnte hier noch mehr schreiben – doch das ist ein anderes Thema.
Es gibt ja gute Beispiele dafür, wie man moderne Architektur mit alten originalen Strukturen städtebaulich verschmelzen kann. Ulm zum Beispiel. Doch trauriger Weise werden diese Beispiele von den Rekonstruktionsbefürworter nicht gesehen, oder gleich im Vornherein als nicht vergleichbar abgetan.
Womit haben wir diese Flut an Rekonstruktionen verdient? Jetzt wird das wichtigste Gebäude in Deutschland seit dem 2. Weltkrieg mit drei barocken Fassaden rekonstruiert und wiederaufgebaut. Ein Denkmal der preußischen absolutistischen Miliätr-Monarchie! Wir reißen das Denkmal des diktatorischen Sozialismus ab. Und bauen ein Denkmal der habsburgischen Diktatur wieder auf! Herrlich – wir alle dürfen mit unseren Steuern diese Scheußlichkeit mitfinanzieren. Vielen Dank deutscher Bundestag… Wie wäre es mal mit einem Mahnmal für die Demokratie gewesen?
Der Architekt als Ahnungsloser
Und wie sieht die Rolle der Architekten in dieser Seifenoper aus? Sie werden von der Bevölkerung aufs Übelste beschimpft, wenn sie Zeitgenössisches fordern. Ihre Argumente werden abgetan und wenig diskutiert. Oftmals wird ihnen der Sachverstand und die Berechtigung über Architektur zu reden abgesprochen. Und das gerade wenn es um Gebäude von überragender gesellschaftlicher Bedeutung geht! Immer dann sind sich alle einig, dass zeitgenössische Architekten nicht mitzureden haben. Ich sage das bewusst etwas überspitzt. Man kann aber teilweise völlig verrückte Situationen miterleben. Wie z. B. die öffentliche Versammlung im Dresdner Rathaus, wo der Architekt seinen Entwurf für das neue Gewandhaus vorstellte und samt der architektonischen Jury von Spezialisten vom Pöbel als unwissend und im Grunde dumm diffamiert und wieder aufs Übelste beschimpft wurde! Es ist zu beobachten, dass solche Diskussionen vor allem bei den Bürgern schnell in sehr emotionale unrealistische Beschimpfungen absacken…
Wie ist es dazu gekommen, dass die Bevölkerung den Architekten nichts mehr zutraut? Wieso hat unser Ansehen so sehr gelitten? Geben sich Architekten zu arrogant? Wieso empfindet die Bevölkerung uns als abgehoben? Viele Fragen tun sich auf…
Die Zukunft
Wie soll das also weitergehen? Ist das ein Problem, dass sich in Zukunft vergrößern wird? Schon kommen Stimmen auf, die Rekonstruktionen von Vergangenem in ganz Deutschland fordern. Es formieren sich immer mehr Vereine von Laien, die Spenden für die Auferstehung längst zerstörter Gebäude sammeln. Anstatt der Deutschen Stiftung Denkmalschutz beim Bewahren von noch existierenden, aber aus Geldmangel dem Verfall preisgegebenen, Denkmale zu helfen! Warum gründet sich ein Verein der die Rekonstruktion des Schlosses in Berlin fordert, aber kein Verein, der dem entgegen steht und genauso emotional und nachdrücklich dafür einsteht, wie diese „Kanonenfutter-Brigade“ von militanten Rekonstruktionsfetischisten!
Und warum wird eigentlich nur mehr jedes 10. Eigenheim in Deutschland von einem Architekt gebaut? Die Leute sagen immer, Architekten seien zu teuer… Wegen den 15.000 Euro mehr, die man für einen von uns bezahlen müsste? Dafür das wir dann die Haftung für alle Schäden am Haus für Jahre übernehmen? Super. Dann kann man sich eher noch bei RTL II anschauen, wie den Leuten ihre tollen Fertighäuser absaufen und die Baufirma danach leider bloß noch einen Briefkasten in Luxemburg für Rechtsansprüche hat.
Also was sollten wir Architekten machen um wieder mehr als wirkliche Berater agieren zu können, wenn es ums Baugeschehen geht? Um wieder mehr Gehör zu finden, mehr Respekt in der Bevölkerung zu bekommen und wieder mehr in die Mitte der Gesellschaft zu rücken. Natürlich ist das keine Sinnkrise! Glücklicherweise wird ja viel modernes mehr oder weniger gutes von Architekten gebaut. Vielleicht müsste man bloß diesem Aspekt der Rekonstruktionen stärker entgegen treten, um in Zukunft nicht noch öfter müßige Diskussionen über Wiederauferstehungen führen zu müssen. Eine neue Diskussion über die Allgemeine Qualität der Architektur und die Position des Architekten in Deutschland wäre meines Erachtens wichtig.
Eine Frage würde ich den Rekonstruktionsleuten gerne mal stellen: Wann fangen wir eigentlich an im 7jährigen Krieg zerstörte romanische Kirchen wieder aufzubauen? Wäre doch auch mal nett…
Die Bilder:
Zum Titelbild: Ein Gebäude des 21. Jhd.?
Die wiederaufgebaute Frauenkirche
Frauenkirche nach der Zerstörung
Dresdner Neumarkt: Was ist davon alt? Richtig! Nichts!
Gelungene Verbindung von Alt und Neu in Ulm

