Chancen und Grenzen erforschen
Michael Feiler stand uns als Experte aus dem Kompetenzzentrum für schwimmende Architektur Rede und Antwort. Architektur auf dem Wasser boomt weltweit. Damit Ihr die Nase vorne behaltet gibt es allerdings einiges zu beachten.
Experteninterview Architektur am Wasser
Herr Feiler, Sie leiten das Kompetenzzentrum Schwimmende Architektur im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) Fürst-Pückler-Land. Wie setzt sich das Team zusammen?
Das Kompetenzzentrum schwimmende Architektur wurde 2006 gegründet. Der Kooperationsvertrag zwischen der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV), der Hochschule Lausitz und der IBA wurde unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsident Platzeck unterzeichnet. Die LMBV und die Hochschule sind unsere wichtigsten Partner vor Ort, aber das Netzwerk an sich wächst ständig, weil die Nachfrage an schwimmender Architektur zunimmt.
In Europa und auch weltweit zeigt sich der Trend zum Wohnen auf dem Wasser, schwimmende Häuser schießen sozusagen aus dem Wasser. Auch die Lausitz findet hier ihre Aufmerksamkeit, denn die neue Landschaft nach dem Bergbau – sprich die neuen künstlichen Seen - bieten Möglichkeiten für ungewöhnliche Architektur auf und am Wasser. Daher forciert die IBA dieses Thema mit ihren Partnern in der Region und auf internationalen Konferenzen.
Um den Netzwerkaufbau brauche ich mich in dem Sinne nicht stark kümmern. Anfragen von Interessierten aus aller Welt kommen von ganz allein. Darunter Architekten und Designer, die uns ihre Entwürfe vorstellen und natürlich ihre Ideen an den Mann bringen wollen. Wir versuchen dann auch Partner zu finden, die in die Finanzierung mit einsteigen würden. Darüber hinaus werden die Konzepte für das entstehende Lausitzer Seenland weiterentwickelt. Was die schwimmende Architektur anbelangt, läuft hier derzeit einiges.Wie muss ich mir die Arbeit des Kompetenzzentrums konkret vorstellen, welche Aufgaben verfolgt es in erster Linie?
Wir hatten uns in der Konzeption zum Kompetenzzentrum zum Ziel gesetzt, dass wir hier in der Lausitz konkrete Projektentwicklung machen. Anhand von verschiedenen Projekten stärken wir unsere eigenen Kompetenzen und unser Wissen zu dem Thema. Im zweiten Schritt geht es uns darum, Wissen zu dokumentieren und es einem größeren Kreis zur Verfügung zu stellen.
Bisher gab es zwei Symposien, die zu verschiedenen Themen der schwimmenden Architektur stattgefunden haben, so unter anderem zu genehmigungsrechtlichen Problemstellungen, denn alle Seen sind ja noch nicht fertig geflutet, sondern auch zu technischen Fragestellungen. So wurden schwimmende Siedlungen vorgestellt und ihre Probleme beleuchtet. Auch die Erschließungsproblematik war und ist ein großes Thema. Diese Symposien wurden 2006 und 2007 gemeinsam mit der Hochschule Lausitz durchgeführt. Aktuell schaffe ich es nicht, Symposien in diesem Rahmen zu organisieren, weil wir mittendrin sind in der konkreten Projektentwicklung vor Ort.Apropos Hochschule Lausitz, welche Rolle spielen denn die Studierenden im Kompetenzzentrum Schwimmende Architektur?
Da gab es schon einige Aktivitäten. Es liegt eine gute Diplomarbeit zu dem Thema vor und eine weitere wird derzeit angefertigt. Zum Thema „Projektmanagement Schwimmende Architektur“ haben wir mit den angehenden Wirtschaftswissenschaftlern auch ein Seminar durchgeführt. Im Fachbereich Architektur werden regelmäßig Studienarbeiten angefertigt, die sich nicht nur auf schwimmende Architektur festlegen, sondern vor allem in Richtung Wasserarchitektur tendieren. Diese Architektur schließt die Uferzonen mit ein, die attraktivsten Stellen an einem Gewässer.
Gibt es eine Publikation, in der man die zusammengetragenen Erkenntnisse und Ergebnisse nachlesen kann? Und können Sie Architekturstudenten Empfehlungen geben?Im großen Umfang gibt es die leider nicht. Wie gesagt, uns liegen viele Studienarbeiten, Entwürfe und Konzepte und seit kurzem auch die Dokumentation zu unserem internationalen Wettbewerb „Mobile Schwimmende Architektur“, aber ein Gesamtwerk leider nicht. In der Doku sind viele kleine schwimmende Wohneinheiten abgebildet, die im Zuge dieses Wettbewerbs entstanden sind. Die Wohneinheiten nehmen direkten Bezug auf die Lausitzer Seenkette und sind für die Schiffspassage geeignet. Sie könnten durch die Kanäle von einem See zum anderen wandern. Diese Publikation kann man im IBA-Shop für 15 Euro erwerben. Zudem erweitern wir gerade unsere Internetseite und räumen diesem wichtigen Thema dort entsprechend Platz ein. Hier wird man demnächst viel digitales Material finden.
Das Thema ist spannend und auf jeden Fall das Richtige für Stadtnomaden!
Ja, genau. Das ist auch der Grund, warum wir den Wettbewerb ausgelobt haben. Wir wollten Schritt von der stationären schwimmenden Architektur zur mobilen schwimmenden Architektur wagen. Dafür ist eine Definition notwendig, weil schwimmende Architektur per se eigentlich mobil ist. Wir müssen diese Mobilität nur kontrollieren und in den Planungen die Bewegung einkalkulieren, ihr sozusagen eine Richtung geben und sie nutzen. Wir haben uns damit beschäftigt, was es mit all diesen Begriffen auf sich hat, haben definiert und können jetzt besser differenzieren.
- Mobile schwimmende Architektur ist eine Behausung, deren primärer Zweck die Nutzung als Behausung ist und zur Fortbewegung in der Lage ist.
- Ein schwimmendes Haus habe ich als Behausung definiert, deren primärer Zweck die Nutzung als Behausung ist, die aber vorrangig zum Verbleib an einem Liegeplatz bestimmt ist.
- Das Hausboot ist anders als die schwimmende Architektur ein Wasserfahrzeug mit dem primären Zweck der Fortbewegung.
Haben Sie schon einmal längere Zeit in einem schwimmenden Haus verbracht? Ich nämlich nicht, wie muss ich mir das denn vorstellen?
Ich wohne zwar nicht in einem schwimmenden Haus, aber ich verbringe viel Zeit auf einem. Einer unserer Projektpartner hat eine schwimmende Tauchschule am Gräbendorfer See gebaut. Ein Projekt, das die IBA initiiert hat und noch immer gerne mit betreut, wenn um Rat und natürlich die Zukunft am See geht. Ich selbst habe schon immer den Wunsch gehabt, mich auf dem Wasser zu befinden, dort aufzuhalten. Zudem beschäftige ich mich schon lange mit dem Thema noch vor meiner Profession. Ich persönlich finde das Gefühl auf dem Wasser zu sein unschlagbar. Vor der Wohnzimmertür das glitzernde Wasser zu haben ist wunderbar: Tür auf, rein springen. Der Naturraum Wasser ist in meinen Augen der attraktivste Ort. Es gibt viele, die sich für schwimmende Architektur interessieren, dann aber den Garten vermissen. Man muss Prioritäten setzen und abwägen, was wichtiger ist.
Wenn ein Architekturstudent vor der Aufgabe steht ein solches Haus zu konstruieren, welchen Rat geben Sie ihm?
Sicherlich ist es eine entscheidende Frage, welches Schwimmsystem man wählt. Mittlerweile gibt es genug Produkte auf dem Markt, die wirkliche Alternativen darstellen. Mit der Wahl des Schwimmsystems trifft man gleich auch eine Entscheidung für die Architektur. Es gibt Pontons, es gibt Schwimmwannen oder auch eine Kombination aus beidem.
Es gibt Systeme, die aus verschiedenen kleinen Schwimmkörpern bestehen und statische Ebenen haben. Letztere sind recht flexibel. Sie bieten einen größeren Spielraum. Man kann sie so groß bauen und die Elemente kombinieren, wie man möchte. Es ist aber ein größerer Aufwand, wenn man es kippstabil oder einfach weniger wackelig machen möchte. Das muss berechnet werden. Die anderen Schwimmsysteme, die Wannen und Pontons haben da eher Nachteile. Ein Ponton besteht aus Vollmaterial.
Betonpontons sind mit Hartschaum ausgefüllt oder es ist Styropor darunter. Sie sind dadurch unglaublich schwer und relativ teuer. Man kann nur etwas draufsetzen und festschrauben. Auch auf die Wanne kann man nur etwas draufsetzen. Sie haben jedoch den Vorteil, dass man die Wanne selbst als Keller nutzen kann. Havariesicher ist man jedoch nicht. In den Niederlanden wird die Wanne recht häufig verwendet und man sagt, dass es in Hundert Jahren überhaupt nie zu einer Havarie kam.
Alles in allem ist aber der beste Rat, den ich in Bezug auf schwimmende Architektur geben kann, offen zu bleiben, für neue Ideen. Auf dem Wasser kann man eigentlich alles machen, was man sich vorstellt, genauso wie auf dem Land. Sobald man sich in der Nähe des Landes aufhält, ist auch konventionell über Leitungen eine Erschließung der schwimmenden Architektur möglich. Nur die Lagerung von fossilen Brennstoffen wird nicht genehmigt. Da kann ich nur raten von vornherein auf erneuerbare Energien oder Biostoffe zu setzen.
Das ist ja ohnehin keine schlechte Idee auf dem Wasser, oder?Richtig. Mit der Energie kann man auf dem Wasser wesentlich mehr spielen. Die Sonnenenergie wird reflektiert und kommt so also auch von unten, nicht nur von oben. Wir haben zwar nicht mehr Energie aber mehr nutzbare Fläche. Wir können auch die Wände nutzen und sind nicht nur auf die Dächer beschränkt. Die Fassade von schwimmender Architektur wird sich in ihrer Gestalt völlig ändern: Wandelemente werden zu Energieelementen.
Auch die Temperaturunterschiede von Luft und Wasser entwickeln sich jahreszeitlich gesehen günstig. So ist im Winter das Wasser wärmer und im Sommer kälter als die Luft. Das heißt, ich kann mit ein paar Hilfsmitteln Temperaturgewinne erzielen. Auch das Windaufkommen ist höher als auf dem Land, denn es gibt keine Vegetation, die den Wind abfängt. So kann ich auch den Wind in Energie umwandeln.
Wie sehen Sie die Zukunft für Häuser auf dem Wasser?
Das ist schwierig einzuschätzen. Ich glaube, dass sie zunehmend zu einer Alternative gegenüber der auf der Landseite gegründeten Architektur wird. Aber es wird sich in einem gewissen Maß halten. Durch neue Technologien kommt schwimmende Architektur überhaupt erst in Frage und auf Grund der Auseinandersetzung mit diesen neuen Möglichkeiten lassen sich auch immer mehr Menschen auf diesen Gedanken ein. Die Idee auf dem Wasser zu leben, wird vielen immer angenehmer. Die Nähe zum nassen Element spielt dabei zunehmend eine große Rolle. Damit das allerdings nicht völlig unkontrolliert abläuft, regulieren es mittlerweile Behörden. Sie legen Bereiche fest, in denen schwimmende Architektur möglich ist.
Das sind gute Aussichten.
Können sich unsere User bei Ihnen im Kompetenzzentrum melden, wenn sie einen Frage zur schwimmenden Architektur haben? Und wenn ja, wie und wo?
Selbstverständlich. Konkrete Fragen beantworten wir gerne telefonisch oder auch per Mail. Was allerdings nicht geleistet werden kann, ist der Versand von Beispielplänen. Die Autorenrechte liegen bei denen, die diese Pläne angefertigt haben und nicht bei uns.
Vielen Dank für das Interview.
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