Leben ohne Barrieren

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Im Rahmen des Schindler Awards 2008 "Access for All" hatten wir die Möglichkeit Professor Hassenpflug vom Urbanistik-Institut der Bauhaus-Universität in Weimar und Professor Cai, vom Urbanistik Institut der Tongjie University in Shanghai zum Thema Behindertengerechtes Bauen zu befragen.

Es ist wichjtig zu wissen, welche Rolle der Architekt in Zukunft bei diesem Thema spielen wird. Zu allererst gilt es jedoch die Barrieren im Kopf zu beseitigen.

Bei „Access for All“ geht es um Zugangsmöglichkeiten für alle, um behindertengerechtes Bauen im Sinne der Gleichberechtigung. Was ist das Besondere an den Entwürfen der Studenten bei diesem Wettbewerb?

Professor Hassenpflug:

Also das Wichtigste ist, dass dieses Thema überhaupt angenommen, wahrgenommen und als wichtig erkannt wird. Das geschieht bisher meiner Ansicht nach bisher in unzureichender Weise, das sind auch die Erfahrungen dieses Wettbewerbs. Das Thema „Zugang für alle“ muss ins Curriculum der Ausbildung der Architekten aufgenommen und als selbstverständlich einbezogen werden. So wie zum Beispiel das Thema Nachhaltigkeit, sollte das behindertengerechte Bauen, der Umgang mit speziellen Zeichensystemen für Behinderte im öffentlichen Raum, die Kenntnis von Regelwerken und Gesetzesvorgaben gelehrt werden. In Deutschland fehlen bisher entsprechende curriculare Vorgaben.

Wie ist es in China?

Professor Cai:

In China ist es das gleiche. Noch unzureichender sogar. Das Thema wird zu wenig behandelt. Behindertengerechtes Bauen ist erst seit letzten Jahren in der Ausbildung, in der Planung und in der Praxis enthalten. Schon als ich studierte, Anfang der 80er Jahre war es für uns völlig fremd. Erst in Deutschland habe ich im Studium gelernt, dass man auch auf „accessibility“ achten muss. Derzeit lernen die Studenten in China zwar, dass es Barrierefreiheit zu beachten gibt, aber es wird auch dort nicht systematisch behandelt. Was für Europa vielleicht selbstverständlich ist, „Ein Recht für alle Menschen, auch für jene mit Behinderung“ das ist für Chinesen doch eher ein bisschen anders.

Professor Hassenpflug:
Auch in Europa ist es nicht selbstverständlich. Es ist noch nicht lange her, seit wir eine öffentliche Debatte über behindertengerechte öffentliche Räume haben. In Berlin gibt es die ersten entsprechenden Maßnahmen seit 2002. Das Behinderten-Gleichstellungsgesetz ist verabschiedet worden im Jahr 2006…

Professor Cai:
Ja, aber für Chinesen ist überhaupt die Idee an sich, dass alle Menschen das gleiche Recht haben abstrakt.

Jetzt ist es so, dass Bachelor und Master eingeführt werden. Gerade der Bachelor ist sehr, sehr komprimiert. Wie kann man in dem jetzigen Lehrplan für Bachelorstudenten diese wichtigen Themen noch unterbringen?

Professor Hassenpflug:
Im Prinzip habe ich nichts gegen die Bologna-Reformen. Es kommt ja vor allem darauf an, wie diese umgesetzt werden. Ich glaube, dass ein Weg eingeschlagen werden muss, der eine möglichst große Wahlfreiheit im Studium ermöglicht - anstatt verschulter, bürokratisch regulierter Kurse. Oft sind sogar Strukturen geschaffen worden, die für die Lehre solcher Querschnittsthemen wie „Access for All“ eher nachteilig sind. Vielfach wurden Architektur-Bacherlorprogramme auf sechs Semester zugeschnitten oder es wurden Masterprogramme disziplinär verengt und fragmentiert. Querschnittsthemen erfordern jedoch interdisziplinäre Öffnung und vor allem Zeit. Diese ist bei sechs-semestrigen Bachelor-Programmen nicht vorhanden. Man hat ‚Bologna’ oft ohne dessen Transparenz und Offenheit fordernden Geist umgesetzt.

Professor Cai:
Man kann das vergleichen mit der Schulausbildung. Ein Abitur dauert eigentlich dreizehn Jahre. Die Architektenausbildung in drei Jahren zu absolvieren, das kann nicht reichen. Das heißt: die Studenten müssen generell noch den Master machen. Also fragt man sich natürlich, warum lässt man es nicht beim Diplom. Denn wenn alle sowieso noch den Master machen müssen ist es ohnehin das Gleiche. Ich vermisse dabei das deutsche System. Ich konnte noch das Diplom machen und für mich gehört es zur Identität der deutschen Ausbildung. Die Reform der Form ist nicht wichtig, sondern wie man diese Reform umsetzt. Der Lehrinhalt gehört reformiert, wie setze ich zum Beispiel das behindertengerechte Bauen um? Ein Architekturstudent muss die Möglichkeit haben zum Soziologen zu gehen und dort etwas über Behindertensoziologie zu hören.

Mehr Interdisziplinarität also?

Professor Hassenpflug:
Ja. Doch diese ist nicht immer gewährleistet, nicht einmal in Masterstudiengängen, wenn diese zu stark spezialisiert und inhaltlich reguliert werden. Die Stadtsoziologie spielt nach meiner Erfahrung im Architekturstudium seit der Umsetzung der Bologna-Reformen eine geringere Rolle. Ich zum Beispiel kann im Bachelorprogramm nur noch eine Einführungsvorlesung im 3. Fachsemester anbieten. Das ist es dann. Zwei Semesterwochenstunden Stadtsoziologie im gesamten Bachelorstudiengang sind sehr wenig.

Professor Cai:
In China gibt es diese Interdisziplinarität ebenfalls überhaupt nicht, aber sie wäre sehr wünschenswert!

Was wäre denn Ihre Wunschvorstellung zu diesem Thema? Wie soll man behindertengerechtes Bauen im Studium umsetzen?

Professor Hassenpflug:
Meine Wunschvorstellung als Stadtsoziologe wäre, dass man Seminare anbietet in denen Studierende z.B. die einschlägigen neuen Bauordnungen und Gesetze kennenlernen. Sie sollten lernen, wie deren Umsetzung in den Städten funktioniert und wie diese institutionell darauf reagieren? Ich könnte Ihnen jetzt das Curriculum auffüllen mit dem, was alles dazu gehören könnte: Erhebungen über die Wohnzufriedenheit bei Behinderten könnten wichtig sein. Die demographische Entwicklung sollte eine Rolle spielen: Wir leben in einer alternden Gesellschaft und wir wissen, dass es eine Korrelation gibt zwischen dem Bedarf an barrierefreiem Wohnen und Leben einerseits und der Alterung andererseits. Das sind soziologische Themen die baurelevant sind und die man einbringen sollte.

Wie setzen Sie in China in Zukunft das Thema „Access for All“  in der Ausbildung der Architekten um? Wie sensibilisieren Sie die Studenten darauf?

Professor Cai:
Dazu habe ich mir ehrlich gesagt noch keine Gedanken gemacht. Wir haben zwar alle Forderungen dazu im Gesetz und weisen die Studenten auch darauf hin. Aber der Gedankengang ist noch immer so, dass dann die Rampe dorthin gesetzt wird, wo sie die Gestaltung am wenigsten gefährdet, nicht aber, wo es vielleicht einfach zu erreichen ist für einen Menschen mit Handicap. Das ist typisch für einen Architekten. Ich weiß nicht wann es soweit sein wird und ob es dazu kommen wird in China einen Lehrstuhl zu gründen, für behindertengerechtes Bauen.

Professor Hassenpflug:
Was wir auf jeden Fall brauchen, ist gutes Lehrmaterial über behindertengerechtes Bauen und Planen - auch im städtebaulichen Maßstab.  Ich weiß nicht, ob es bereits ein Fachbuch gibt, das nicht nur die baulichen, sondern auch die institutionellen, die gestalterischen und gesellschaftlichen Aspekte der Zugänglichkeit für alle systematisch darstellt. Ich meine jedoch, dass ein solches grundlegendes Werk für das Bachelorstudium erforderlich ist. Das nachhaltige bzw. ökologische Bauen ist zum Beispiel schon als Basiswissen weitgehend anerkannt. Das Thema wurde durch die Klimakrise vorangetrieben. Das Problem beim behindertengerechten Bauen ist aber, dass wir keine vergleichbare „Behinderten-Krise“ haben, um es einmal plakativ auszudrücken. Dieses Thema ist schon immer da - und deswegen wird es vielleicht nicht als so dringlich angesehen.

Was also brauchen wir anstatt der Krise, damit dieses Thema als grundlegend gilt?

Professor Hassenpflug:
Was wir allererst brauchen ist eine Kultur der Empathie, eine Kultur des Mitfühlens, die ganz allgemein verankert ist, sodass jeder an einem Wertesystem teilhat, das Behinderung als Teil der sozialen Realität versteht. Man muss sich vor Augen halten, dass noch vor etwa 80 Jahren behinderte Menschen in Psychiatrien weggesperrt wurden. Sie wurden versteckt und weggeschlossen. Unter dem Hitlerregime wurden sie sogar missbraucht und ermordet. Da hat sich mittlerweile sehr viel verändert. Doch eine tief in den Menschen verankerte Kultur der Empathie haben wir dadurch noch nicht automatisch. Jeder Einzelne muss sich diesen Mitmenschen gegenüber öffnen und Verantwortung übernehmen. Ich meine damit nicht nur die professionelle Verantwortung seitens des Architekten.

Wenn ich Sie richtig verstanden habe, ist der Architekt Teil dieser Kultur?

Professor Hassenpflug:
So ist es. So verallgemeinere ich es als Soziologe und spreche von einer Kultur der Verantwortung. Die Rolle des Architekten ist z.B. in den Baugesetzen festgeschrieben; nur diese Gesetze greifen ja nicht auf der Ebene, wo es auch um die persönliche Verantwortung des Einzelnen in seinem Alltagsleben geht.

Werfen wir einen Blick auf die konkrete Praxis: Es gibt Städte, in denen in jüngster Zeit eine Menge bewegt wurde, so z.B. in Berlin oder in Freiburg. Dennoch ist die Umsetzung der ‚accessability’ immer noch recht insular. Von einer flächendeckenden Versorgung kann noch keine Rede sein - insbesondere dort, wo wir es mit schwierigen topographischen Verhältnissen (z.B. städtischen Hanglagen) zu tun haben. Für solche stadträumlichen Herausforderungen fehlt es auch an technischen Lösungen.

Wenn ich einen Stadtteil neu erschaffe, oder eine so genannte Satellitenstadt plane, kann ich von vornherein Accessibility schaffen oder zumindest die Vorraussetzungen dafür. Ein größeres Problem liegt aber in der Umsetzung von gewachsenen Städten. Vor diesen Problemen standen auch die Teilnehmer des Schindler Awards in diesem Jahr. Wien ist eine über Jahrhunderte gewachsene Stadt. Der zu schützende Bestand lässt einen Umbau zu Barrierefreiheit nicht zu. Wie kann man an solche Probleme herangehen?

Professor Cai:
Wenn wir mit neuen Mitteln arbeiten erhält ein altes Gebäude ein anderes Gesicht.

Professor Hassenpflug:
Ja, es kommt wirklich darauf an, den Denkmalschutz angemessen zu interpretieren, damit eine Umgestaltung stattfinden kann und es nicht zu einem Konflikt kommt. Denkmalgerechtigkeit muss in mit Blick auf Behindertengerechtigkeit etwas lockerer gefasst werden.

Aber liegt in diesem Konflikt nicht auch die Chance, innerhalb eines Urbanistik-Institutes Denkmalschutz, Bauen im Bestand, behindertengerechtes Bauen und nachhaltiges Bauen an einen Tisch zu bringen und Workshops zu machen?

Professor Hassenpflug:
Ja. Das wäre durchaus anregend. Die Fragen klären: Wie weit darf bzw. muss man gehen? Wo liegen die baulichen Kompromisslinien für die unterschiedlichen Interessen? Wichtig wäre es, für die Ausbildung von Architekten Strukturen zu schaffen, in denen solche Fragen bzw. Probleme erörtert werden können.

Professor Cai:
Jede Gesellschaftliche Idee die aufkommt, geht von irgendeiner Person aus. Dadurch kommt es zu einem entscheidenden Schub. Dafür braucht man Menschen die etwas anschieben. Wir brauchen: Denker, Forscher, Politiker, die Bewegung bringen. Eines Tage ist die Zeit reif.

Was hat Sie beide bei den Resultaten, bei den eingereichten Arbeiten beim diesjährigen Schindler Awards überrascht?

Prof. Hassenpflug:
Mich hat überrascht, wie groß der Einfluss der Ausschreibung auf die Studierenden war. In diesem Jahr lag der Schwerpunkt offenbar in den städtebaulichen Herausforderungen. Der anspruchsvolle, ja komplizierte Planbereich veranlasste die Studierenden, sich vorrangig mit Fragen des Städtebaus, der räumlichen Integration, der Funktionsverteilung, des Verkehrs usw. auseinandersetzen. Die Accessibility-Problematik ist dadurch ein wenig in den Hintergrund gerückt. Alle sind darauf eingegangen, doch die städtebaulichen Herausforderungen haben in der Regel die Analysen und die Entwürfe dominiert. Die Accessibility-Dimension sollte bei der nächsten Ausschreibung ein stärkeres Gewicht erhalten, zumindest gleichberechtigt sein. Der Schindler Award ist ein ‚lernendes System’ und wird auf die neu gewonnenen Erfahrungen angemessen reagieren.

Ansonsten hat der Wettbewerb wieder einmal bestätigt, wie wichtig bei solchen Ausschreibungen die Fähigkeit zur guten städtebaulichen Analyse ist.

Professor Cai:
Wichtig ist, dass ein solcher Wettbewerb stattfindet, damit das Thema auch in den Fakultäten präsent ist und die Studierenden sich mit Accessibility auseinandersetzen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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