Architektur und Gewohnheit kann man nicht voneinander trennen, das wissen Architekturstudenten. Jeder Architekt, der beispielsweise ein Einfamilienhaus baut, sollte sich mit den Gewohnheiten der Familie, für die der Bau gedacht ist, auseinandersetzen. Tut er das nicht, geht er vom Durchschnitt aus. So läuft er Gefahr, dass auch seine Architektur zum Durchschnitt wird. Und dann ist die Architektur gewöhnlich. Sie ist nichts neues, sie ist nicht anders, zeigt keine innovativen Lösungen, oder lässt zumindest nicht auf eben solche schließen.
Gewöhnliche Architektur und Gewohnheiten in der Architektur zu berücksichtigen hängen jedoch nicht unmittelbar zusammen.
Ungewöhnliches sticht aus der Masse heraus und ungewöhnliche Architektur kann daher rühren, dass sich der Architekt nicht mit dem bereits bestehenden auseinander setzt, sondern den Mut aufbaut, frei von Normen und Regeln zu entwerfen und umzusetzen. Manchmal wird ein Bau sogar ungewöhnlich, wenn man sich mit den künftigen Nutzern auseinandersetzt. Noch ungewöhnlicher können Bauten werden, wenn die künftigen Nutzer Kinder sind und sowohl ihre Ideen, als auch Ideen aus der Pädagogik oder auch der Psychologie in den Entwurf einfließen. Kinder haben eine rege und freie Fantasie, die den Erwachsenen oft fehlt. Sind Baurichtlinien Fantasiekiller beim Entwerfer? Oft leider ja, aber wenn andererseits jeder bauen würde, was seine verbleibende Fantasie hergeben würde, wäre das schön?
Wir haben uns an eine bestimmte Art oder Struktur von Stadtbildern und ihren Gebäuden gewöhnt. Wir wissen, dass im Mittelalter die Städte so gebaut wurden, dass in der Mitte die Kirche stand. (Lassen wir die Kirche im Dorf!) Von dort aus, vom Zentrum aus, gingen die Straßen sternförmig ab. Mit ihnen breitete sich die Stadt aus, bis schließlich die Stadtmauer sie umschloss. Diesem Muster folgen beinahe alle mittelalterliche Städte. Heute ist es nicht mehr überall zu sehen und deshalb nur schwer nachvollziehbar.

Die Städte wuchsen und man suchte neue Strukturen, in denen der Mensch sich wohl fühlt, die also seinen Gewohnheiten entsprechen. Städteplaner, wie Camillo Sitte 1843-1903, Theoretiker, oder auch Architektur-Anthroposophen, wie Professor Amos Rapoport machten und machen sich Gedanken, wie eine solche Stadtstruktur, oder auch wie generell gebaute Lebensräume aussehen können und müssen. Nicht umsonst heißt es: „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier“. Was er also nicht kennt, was ihm nicht gewöhnlich erscheint, stellt der Mensch, der Nutzer von Architektur zunächst als „besonders“, da unbekannt heraus. Er gewöhnt sich an das zunächst ungewöhnliche.
Ist das ungewöhnliche dann irgendwann gewöhnlich, ist es ins Stadtbild integriert, in der gebauten Umwelt etabliert, hat der Mensch sein Gewohnheitsrepertoire erweitert. Herzlichen Glückwunsch! So ist das Leben.
Es muss also weitergehen. Es muss ungewöhnliche Architektur geben, ebenso, wie es Visionen und Utopien geben muss. Gäbe es sie nicht, herrsche Stillstand. Stillstand ist der Tot der Fantasie und des Fortschritts. Um ungewöhnliche Architektur zu entwerfen, zu bezahlen und zu bauen, braucht die Welt Idealisten und Freidenker. Es sind Menschen benötigt, die den Mut haben, neue Wege zu gehen.
Es ist notwendig, Auftraggeber und Bauherren zu finden, die mitmachen und offen für ungewöhnliche Architektur sind. Ohne sie kann ein Architekt noch so viel Fantasie haben. Sie würde ihm nichts nützen. Denn auch der Architekt muss seine ungewöhnlichen Gebäude bauen können, denn auch der Architekt und Visionär muss sein auskommen haben.
Wer offene Bauherren gefunden hat, oder weiß, dass er sie finden wird, und sich nicht traut ungewöhnlich zu bauen, ist kein Angsthase, aber er bewegt in dieser Welt auch nicht sonderlich viel. Er hinterlässt keine Spuren, würde wahrscheinlich Oscar Niemeyer sagen, könnten wir ihn dazu befragen. Damit mussjeder für sich zurechtkommen: Gewöhnlich und ungewöhnlich.
Tina Seyffert